EX-IN – Ausbildungsstandards

Foto: Stephanie Hofschlaeger / pixelio.de

Hauptanliegen des Vereins EX-IN Deutschland e.V. ist es, die Arbeits- und Lebenssituation von Menschen mit der Erfahrung psychischer Erschütterungen nachhaltig zu verbessern. Dies geschieht unter Einbeziehung Psychiatrieerfahrener, Angehöriger von Psychiatrie-erfahrenen und Personen mit einer Fachausbildung und Berufserfahrung im Bereich Psychiatrie.

Erreicht werden sollen diese Ziele zum Einen durch Informationen zur trialogischen Haltung und den Inhalten der EX-IN-Arbeit, sowie durch die Ausbildung von Menschen mit Psychiatrieerfahrung zu GenesungsbegleiterInnen und EX-IN-TrainerInnen. Neben zertifizierten GenesungsbegleiterInnen steht die EX-IN TrainerInnen-Ausbildung Angehörigen von Menschen mit psychischen Krisen sowie Profis aus dem psychiatrischen Arbeitsbereich offen.  

Standards

Um eine fundierte Ausbildung von KursteilnehmerInnen zu GenesungsbegleiterInnen oder TrainerInnen zu gewährleisten, sind Standards notwendig. Durch sie wird die Arbeit in vielen Bereichen vergleichbar und transparent und sie bieten einen orientierenden Rahmen.

Standards schützen die Interessen des Vereins und seiner Mitglieder, sie schützen die Qualität der Qualifizierungsangebote  und fördern die Anerkennung durch die Kostenträger.

Im Falle von Uneinigkeiten über die Anerkennung (z.B.von EX-IN Kursangeboten) bieten verbindliche Standards einen Orientierungsrahmen.

Die Bedeutung von Standards steht in direktem Bezug zur Qualität der Lehre, der Ausbildung und Weiterbildung. Somit sind Standards unverzichtbare Bausteine, um die Wirksamkeit von Genesungsbegleitung vorzubereiten und TrainerInnen-Kompetenz zu fördern.

Da sich EX-IN als lebendige Bewegung versteht, sollten auch die Standards regelmäßig auf Angemessenheit und Aktualität überprüft werden.

Kriterien für eine qualitativ gute Ausbildung

Die EX-IN Ausbildung

Die Ex-In Ausbildung ist geprägt von einem trialogischen Selbstverständnis.
Die Entwicklung von Erfahrungswissen, das durch die Entdeckung und Reflexion von ICH, ICH – DU und Wir-Wissen entsteht, ist Anliegen der Ausbildung. D.h. im Mittelpunkt steht die Auseinandersetzung mit den eigenen und mit den kollektiven Erfahrungen zu den jeweiligen Modulthemen. Ein weiterer wichtiger Punkt in der Ausbildung ist die Schaffung von Räumen für neue Erfahrungen. Die Vermittlung von Wissen und Methoden ist diesen Prioritäten unterzuordnen.

Die TrainerInnenteams sind paritätisch besetzt mit mindestens einer/einem Psychiatrieerfahrene/r und mindestens einer Person mit einer Fachausbildung und Erfahrungen als MitarbeiterIn im Bereich Psychiatrie. Beide geben gemeinsam den Kurs.

Im Rahmen der EX-IN Ausbildung werden zwei Praktika abgeleistet und ein Portfolio erstellt.

Basis der EX-IN Ausbildung ist das Curriculum. Die darin erarbeiteten und/oder beschriebenen Methoden, Inhalte und Ziele sind für die TrainerInnen verbindlich.

Das Curriculum

Die Module

Das Curriculum besteht aus 11 Modulen plus Abschlussmodul.

Ein Modul dauert 22 Unterrichts-Stunden (45 Minuten), das Abschlussmodul mindesten 16.

Die Basismodule sind:

  • Gesundheit und Wohlbefinden
  • Empowerment
  • Erfahrung und Teilhabe
  • Recovery
  • Trialog

Die Aufbaumodule sind:

  • Selbsterforschung
  • Fürsprache
  • Assessment
  • Beraten und Begleiten
  • Krisenintervention
  • Lehren und Lernen
  • Abschluss

Inhalte und Ziele der Module sind dem Curriculum zu entnehmen.

Praktika

Zur EX-IN Ausbildung gehören zwei Praktika:

  • Das Schnupperpraktikum (mindestens 40 Stunden) dient der Reflexion des „Seitenwechsels“ und der Sensibilisierung für die Tätigkeit als GenesungsbegleiterIn.
  • Aufbaupraktikum (mindestens 80 Stunden) dient der Erprobung der eigenen Qualitäten und der im Kurs hinzugewonnenen Fähigkeiten und Kompetenzen.

Zu jedem Praktikum ist ein Bericht zu erstellen und eine Bescheinigung des/der PraktikumsgeberIn beizubringen.

Die Kursleitung muss die Praktikumsstellen über die Anforderungen für das jeweilige Praktikum informieren.

Portfolio

Die Erstellung eines Portfolios ist Bestandteil der EX-IN Ausbildung. Das Portfolio besteht aus den Abschnitten Spurensuche, Qualitäten, Planung und Persönliches Professionelles Profil. Als Vorlage und Konzept dient die letzte überarbeitete Version.

Abschlusspräsentation

Die Abschlusspräsentationen finden am Ende des Kurses statt, sie umfassen die Reflektion der Kursinhalte, der eigenen Kompetenzen und Fähigkeiten und der eigenen Rolle im Kurs.

Die Aufgabenstellung ist am Ende der Portfoliovorlage beschrieben.

Aktualisierung des Curriculums

Die Aktualisierung des Curriculums sollte in 5-Jahres Abständen erfolgen. Mit dieser Arbeit ist eine AG betraut werden.

Neue wichtige Erkenntnisse, Inhalte und Methoden sollen von dieser AG gesammelt, gesichtet und ggf. vorgestellt werden. Ggf. ist zu prüfen, ob neue Anforderungen zu einer Veränderung des Curriculums führen oder als Zusatzkurse (z.B. Forschung) angeboten werden.

Erfolgreiche Teilnahme

Die Teilnahme bzw. die erfolgreiche Teilnahme wird durch eine Bescheinigung am Ende des Basiskurses bzw. des Aufbaukurses bestätigt. Für eine erfolgreiche Teilnahme ist Voraussetzung, dass der/die TeilnehmerIn:

  • maximal 10 % Fehlzeiten hat,
  • ein Praktikum von mindestens 40 Stunden (Basismodule) sowie ein Praktikum von mindestens 80 Stunden (Aufbaumodule) abgeleistet hat,
  • jeweils einen Praktikumsbericht erstellt hat,
  • das Portfolio erstellt hat
  • die Abschlusspräsentation erbracht hat
  • sämtliche Kursgebühren entrichtet hat
  • 50€ Zertifikatsgebühr an den Verein EX-IN Deutschland entrichtet wurden.

Methodik

Das Hauptanliegen der Beteiligung von “Experten durch Erfahrung” ist, die individuelle Erfahrung als Ressource zu nutzen. Dazu müssen die Betreffenden in der Lage sein, ihre Erfahrungen und ihre Bewältigung zu reflektieren. Dies ist mit der Bereitschaft und der Fähigkeit verbunden, diese Erfahrungen als Teil des Reflektionsprozesses mit anderen auszutauschen.

Um einen Blickwinkel zu vermeiden, der sich ausschließlich auf individuelle Erfahrungen, Werte und Annahmen beruft, „um ein Experte durch Erfahrung zu werden, ist es erforderlich, die eigenen Erfahrungen zu reflektieren und diese mit anderen auszutauschen, die ähnliche Erfahrungen gemacht haben. Es ist erforderlich, dass die Experten ihre Erfahrungen im Vergleich mit anderen Erfahrungen, anderen Situationen und anderen Menschen überprüfen und erproben“.

Um zu verhindern, lediglich traditionelles Wissen und bekannte Erklärungen zu reproduzieren, hat das Projekt die eindeutige Aufgabe, eine Ausbildung zu entwickeln, die auf individuellen Erfahrungen aufbaut.

Der erste Schritt ist, von den individuellen Erfahrungen der einzelnen TeilnehmerInnen aus zu gehen. Durch die Reflexion und Strukturierung dieser Erfahrungen kann sie oder er ein erfahrungsbasiertes “Ich-Wissen” entwickeln. Wenn wir davon ausgehen, dass es notwendig ist, eine gemeinsam geteilte Perspektive von dem zu entwickeln, was hilfreiche Haltungen, Methoden und Strukturen zur Unterstützung von Menschen in psychischen Krisen sind, ist es wichtig, dass die Teilnehmer ihre Erfahrungen austauschen, um “Wir-Wissen“ zu entwickeln. Dadurch kann die Erfahrung von besonderen psychischen Prozessen und psychischen Krisen sowohl auf individueller Ebene als auch auf kollektiver Ebene verstanden werden.

Die TrainerInnen

EX-IN KurstrainerInnen sind:

  • Psychiatrieerfahrene mit EX-IN Ausbildung und TrainerInnenausbildung
  • Personen mit einer Fachausbildung und Erfahrungen als MitarbeiterIn im Bereich Psychiatrie und der Ausbildung zur EX-IN TrainerIn
  • Angehörige mit EX-IN TrainerInnenausbildung

Fachleute, die zu bestimmten Themen im Kurs unterrichten sind ReferentInnen und weder verantwortlich für das Kursgeschehen noch darin eingebunden.

EX-IN TrainerInnen arbeiten immer als Tandem oder als Team, das aus mindestens einem Psychiatrieerfahrene mit EX-IN Ausbildung und TrainerInnenausbildung  und mindestens einer Personen mit einer Fachausbildung und Erfahrungen als MitarbeiterIn im Bereich Psychiatrie und der Ausbildung zur EX-IN TrainerIn möglichst aber auch einem/einer Angehörige mit EX-IN TrainerInnenausbildung besteht.

Trainerteam / Tandem

Gruppengröße

Die Gruppen sollte mindestens 15 TeilnehmerInnen haben.

Kursgebühren

Der TeilnehmerInnenbetrag für die EX-IN-Ausbildung sollte so bemessen sein, dass eine unseren Standards entsprechende Lehre ermöglicht werden kann. Leitlinien für die Höhe der Kursgebühren werden jährlich vom Vorstand mitgeteilt.

BesucherInnen

BesucherInnen im Kurs oder Menschen von außerhalb, die bei einem oder mehreren Modulphasen anwesend sein möchten, müssen einen besonderen Grund hierfür vorweisen. Dann stimmen die TeilnehmerInnen und DozentInnen miteinander darüber ab, ob und in welcher Weise sie die BesucherInnen in eines oder mehrere Module einbeziehen möchten.

Auswahl der Teilnehmer/innen

EX-IN-DozentInnen, die einen EX-IN Kurs durchführen, haben das Recht und die Verpflichtung, sämtliche Bewerbungsschreiben und –unterlagen zu studieren. Ihnen obliegt es auch, beim Auswahlverfahren der zukünftigen TeilnehmerInnen zu entscheiden.

Anforderungen an TeilnehmerInnen

  • Erfahrung mit schweren seelischen Erschütterungen und deren Bewältigung
  • keine akute Krise und keine akute Sucht
  • Möglichst Vorerfahrung in Selbsthilfe oder Trialog
  • Bereitschaft über sich und seine/ihre Erfahrungen in der Gruppe zu sprechen
  • Bereitschaft sich auf Gruppenprozesse einzulassen
  • Soziales Netz, das Begleitung und Unterstützung während des Kurses bietet
  • Bereitschaft zur Selbstfürsorge

Informationsveranstaltungen

  • Vor Beginn eines Kurses sollte mindestens eine Einführungsveranstaltung angeboten werden. Zusätzlich sollte eine Beratung zur Finanzierung angeboten werden.

Bewerbungsverfahren

  • Die TeilnehmerInnen bewerben sich schriftlich und erläutern ihre Erfahrungen, ihren Lebenslauf, ihre Motivation... (siehe Anhang Muster Bewerbungsbogen).
  • Das Trainerteam führt anschließend persönliche Bewerbungsgespräche (einzeln oder in Gruppen).

Evaluation

Eine regelmäßige Rückmeldung der KursteilnehmerInnen an die DozentInnen ist ein bedeutsames Steuerungsinstrument sowohl in einem Kurs, als auch allgemein für die Qualitätssicherung. Die Rückmeldungen sollten am Ende jedes Moduls erfolgen. Sie können mündlich (Abschlussblitzlicht) erfolgen. Mindestens zwei mal (am Ende der Basismodule und am Ende der Ausbildung) sollte die Rückmeldung jedoch auch schriftlich erfolgen.

Kursdokumentation

  • Handouts sind direkt an den Veranstaltungstagen auszuhändigen.
  • Die auf Flip-Chart und Metaplan gefertigten Gruppenarbeiten der TeilnehmerInnen können, per Kamera oder schriftlich dokumentiert, den Kursverlauf, die Diskussionsprozesse und Arbeitsergebnisse darstellen. Sie sollten allen KursteilnehmerInnen zur Verfügung gestellt werden.
  • Eine Dokumentation des Tagesablaufs soll aus Qualitätssicherungsgründen erfolgen. Sie erleichtert aber auch die Arbeit für nachfolgende DozentInnen.

Interne Qualitätsprüfung

Standards sind nur wirksam, wenn sie verbindlich und konsequent von allen TrainerInnen angewandt werden. Daher wird der Vorstand des EX-IN Deutschland Vereins die Einhaltung in Abständen von zwei Jahren an den einzelnen EX-IN-Kursstandorten überprüfen.

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